Leitbild

Die im Museum vorgestellten Bildwerke schlagen die Brücke zur kirchlichen Verkündigung und deuten sie in eigenständiger Weise. Ihre Schönheit vermag unser Auge zu fesseln und unser Herz anzurühren, allerdings bleibt der Reichtum an Bedeutung uns heute vielfach verschlossen. Hier hat das Museum eine wichtige Funktion als pastorales Werkzeug. Es hilft, in den Werken der Kunst das Glaubenszeugnis zu entdecken und seine Botschaft zu erschließen. Das ist heute wichtiger denn je.

Nun ist es beileibe nicht damit getan, das Museum als Hort kirchlicher Kunst gewissermaßen auf seine Funktion des Sammelns, Erforschens und Bewahrens zu beschränken. Als wesentlicher Schwerpunkt unserer Arbeit tritt der Bildungsauftrag des Museums hinzu, der die klassische Trias der Tätigkeitsbereiche ergänzt. Als Museum der Diözese sind wir vorrangig dem künstlerisch-kulturellen Erbe des Erzbistums verpflichtet. Mit seiner eindrucksvollen ­Sammlung, einem breit angelegten, spannenden museumspädagogischen Angebot für alle Altersgruppen und erfolgreichen Wechselausstellungen zu wichtigen Themen aus Kirche, Kunst und Kultur in Gegenwart und Vergangenheit präsentiert sich das Museum als zukunftsorientiertes ­Forum auf der Höhe der Zeit mit vielfältigen Bezügen zu den Kommunikationsräumen der kulturellen Öffentlichkeit. Im eigenständigen Profil des kirchlichen Museums gibt es bei vielen Gemeinsamkeiten auch klare Unterschiede zum Leitbild staatlicher oder kommunaler säkularer Museen.

Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn

Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn

Das Diözesanmuseum hat – wie Erzbischof Hans-Josef Becker unlängst herausstellte – eine wichtige Funktion als pastorales Werkzeug: „das in den Zeugen der christlichen Kunst die Spuren des transitus Domini deutlich werden läßt und so Brücken zur kirch­lichen Verkündigung schlägt.”

Bildungsauftrag und pastorale Funk­tion des Museums sind in unserer säkularen, zunehmend entchristlichten Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Und es sind gewaltige Anstrengungen von Nöten, um angemessene Wege und Interpretationsmöglichkeiten für eine adäquate Kommunikation christlichen Glaubens in Museen und Ausstellungen zu entwickeln. Von zentraler Bedeutung ist das Museum zuerst einmal als Ort der Vermittlung von Glaubenswissen, da heute die Defizite bei der jüngeren Generation – und nicht nur bei dieser – bedingt durch die fehlende oder mangelhafte christliche Sozialisation in Elternhaus und Schule in erschreckendem Maße zugenommen haben. Da kann das Museum ein positiv erfahrener außerschulischer Lern-Ort sein, wo im Umgang mit den Originalen die zum Verständnis unserer abendländischen Kultur unabdingbar notwendigen Grundkenntnisse des christlichen Glaubens und seiner reichen Sachzeugnisse aus einer 2000jährigen, die Entwicklung des Abendlandes prägenden Geschichte vermittelt werden. Hier arbeiten wir im Verbund mit Schulen, Bildungseinrichtungen aber auch kommunalen und staatlichen Museen, die ja gleichfalls umfangreiche Kirchenschätze bewahren. Für uns sind jedoch die Zeugen sakraler Kunst kein totes Erbe, das es nur aus kulturhistorisch begründeter Rücksichtnahme zu bewahren gilt, vielmehr sehen wir in ihnen lebendige Zeugnisse des Glaubens unserer Vorfahren. Auch wenn sie aus dem Gebrauch genommen sind, so wissen wir doch um den Zusammenhang bis zurück zu den Anfängen. Wichtig ist somit, den „Resonanzraum der katholischen Vorstellungswelt“ zu aktivieren, um die Werke angemessen zu verstehen.

In einem Zeitalter der Brüche und Umbrüche sowie des Zerfalls der Bindungen fasziniert solch ein im besten Sinne des Wortes bewahrender Ort die Menschen. Das Museum steht nicht ohne Grund im Schatten des Domes, zu dem es hinüberleitet. Im Dom wie in jeder Kirche verschränken sich seit jeher Tradition und Geschichte mit liturgischer und künstlerischer Gegenwart, die dem Menschen eine Zukunftsperspektive eröffnen möchte. Dabei ist selbstverständlich vorgegeben, dass durch die museale Präsentation die Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst werden und sie als ­bislang nicht in Beziehung stehende Objekte neu kombiniert werden.

Das erfordert in jedem Fall neue, ­dabei stets auch wandlungsfähige Ordnungs- und Deutungsleistungen.

Wie kaum eine Institution hat das Museum die Möglichkeit zur Dingkombinatorik, der ungewohnten, kühnen und inspirierten Anordnung von Gegenständen. Das versuchen wir in der Schausammlung mit immer neuen Werkgruppen, die wir nach zeitlichen, thematischen und gattungsspezifischen Gesichtspunkten gliedern, zu realisieren. Die Objekte erhalten somit einen neuen sinnstiftenden und im Wechselbezug auch unterrichtenden Zusammenhang, der immer die Bedeutung des Einzelstücks im Interpretationsrahmen von Geschichte, Kunst und Frömmigkeit im Blick behält. Selbstverständlich werden Informationen zum ursprünglichen Kontext, dem Sitz im Leben, einbezogen, aber es wird nie geleugnet, dass es sich um Fragmente handelt, die ihr geschichtliches Gewordensein mit allen späteren Veränderungen zeigen.

Entsprechend der Autonomie der vor Augen gestellten Kunst verfolgt das Diözesanmuseum in Paderborn einen pastoral eigenen Weg, der sich über alle konfessionellen, religiösen und ideologischen Grenzen hinaus als bedeutsamer menschlicher Dienst versteht. Es sieht sich seinem Auftrag gemäß als kulturdiakonische Institution. Dieser durch die besondere Art und Weise der Museumspräsentation ermöglichte autonome Zugang macht das Museum gerade für eine säkula­risierte Gesellschaft unentbehrlich.

Das kirchliche Museum führt Bild­werke menschlicher Sehnsüchte und Hoffnungen vor Augen, in ­denen sich der Mensch dem göttlichen Mysterium zu öffnen vermag. Hier wird nicht ergänzt und geschönt, vielmehr vertrauen wir auf die Authentizität des Originals, das in seiner historischen Formung und künstlerischen Eigenart jene Aura besitzt, die nicht allein das Bedürfnis nach spontaner ästhetischer Faszination zu befriedigen vermag, „sondern auch dazu verhilft, das religiöse Staunen wiederzufinden angesichts des Zaubers der Schönheit und Weisheit, der aus den Hinterlassenschaften der Geschichte strömt.“
(Johannes Paul II. 1997)