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Ein Erlebnis von Gleichzeitigkeit

Christoph Stiegemann:

„Ein Erlebnis von Gleichzeitigkeit“.

Die großen kunst- und kulturhistorischen Mittelalterausstellungen in Paderborn seit 1999 zwischen Wissenschaft und Inszenierung
  • Download des bebilderten Aufsatzes als PDF (9 MB), 26 Seiten 17 x 24 cm
  • Zusammenfassung
  • Summary (english)

Es ist heute viel vom ‚spatial turn‘ in den Geschichtswissenschaften die Rede, aber eigentlich tritt damit nur etwas Selbstverständliches wieder verstärkt in den Blick: jene gegenüber der Dominanz des Zeitlichen zu häufig vergessene und vernachlässigte Tatsache, dass alle Geschichte einen Ort hat.1 Die individuelle Erinnerung ist ebenso wie das kollektive Gedächtnis immer auch mit Orten verknüpft – Architekturen, Plätze, Räume werden zu Orten der Erinnerung, indem sie von Individuen und Gruppen auf unterschiedlichste Art angenommen, als kollektive Gedächtnisorte gepflegt werden.2 Paderborn ist als Gründung Karls des Großen ein solcher Erinnerungsort, der sich mit den Anfängen des Heiligen Römischen Reiches in besonderer Weise verbindet. (Abb.1)

Paderborn Dom Kaiserpfalz Diözesanmuseum Städt. Galerie Luftaufnahme

Abb. 1 Paderborner Dom mit Kaiserpfalz, Diözesanmuseum und Städtischer Galerie, 1999

Ein zweites kommt hinzu. Das persönliche Erleben spielt, wie Forschungen zum kulturellen Gedächtnis herausgearbeitet haben, eine entscheidende Rolle dabei, dass Erkenntnis und Wissen um Geschichte nicht abstrakt bleiben sondern identitätskonkret werden. Dabei sind es, wie Aleida Assmann herausstellt, drei Dinge, die aus der Perspektive des Gedächtnisses die Geschichtsschreibung ergänzen: die Dimension der Emotionalität und des individuellen Erlebens, die memoriale Funktion von Geschichte als Gedächtnis und die Betonung einer ethischen Orientierung.3 Hier wird deutlich, wie wichtig der affektive Zugang zur Geschichte des Mittelalters ist, der zugleich memoriale Funktionen einschließt.

Kunst- und kulturhistorische Mittelalter-Ausstellungen bieten sich als erlebnisorientiertes Medium geradezu an, um kulturwissenschaftliche Forschungen in historische Bildungsprozesse zu überführen und breiten Besucherschichten wichtige Erkenntnisse über jene uns heute fremd anmutenden, weit zurückliegenden Zeiten des frühen Mittelalters auf anschauliche Art und Weise zu erschließen. Das Medium Ausstellung ist so zu einer wichtigen, öffentlichkeitswirksamen Form der Erinnerung, des Erkenntnisgewinns und der Identitätsbildung geworden.

Längst verhallt sind die Stimmen der 80er Jahre, die mit gesellschaftskritischer Attitüde gegen jede Art von Inszenierung angingen.4 Dagegen steht heute die Erkenntnis, die  Gottfried Korff  wie folgt auf den Punkt brachte: „Wer Tricks verbietet und visuelle Erprobungen als Effekthascherei oder Disney-Land Gags verurteilt, ist indifferent und unsensibel gegenüber den gestalterischen Problemen der Ausstellung und des Museums. Der Vorschlag, von Originalobjekten und der Faszination des Authentischen auszugehen, ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Die Frage nach dem Wie der Ausstellung ist genau so wichtig wie die nach seinen Inhalten.“5

Gegenüber Kunstwerken in musealen Räumen besteht im Rahmen von Sonderausstellungen die zusätzliche und spezifische Möglichkeit, sich durch Inszenierung, Ensemblebildung und Hinführung in gesteigerter Weise auf die Bildschöpfungen und ihre Aussagen einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dieses ist besonders in den seit 1999 realisierten großen kunst- und kulturhistorischen Mittelalterausstellungen der Paderborner Museen, mit ihrem hohen Anteil an atmosphärisch dichter Inszenierung und Erlebnisqualität verwirklicht worden.

Die Erinnerungstopografie Paderborns zeichnet sich durch den besonderen Umstand aus, dass durch die archäologischen Untersuchungen seit den 60er Jahren die karolingischen Anfänge mit der Entdeckung von Pfalz, Salvatorkirche und  Dom geklärt werden konnten.6 Nicht minder bedeutend waren die archäologischen Befunde aus ottonisch-salischer Zeit, die hinreichten, um über den aufgefundenen Mauerzügen Gebäude wie die Pfalzanlage auch im Aufgehenden zurückzugewinnen. Die Baustiftungen des Paderborner Bischofs Meinwerk aus dem frühen 11. Jahrhundert prägen, teils in rekonstruierter Form, die Kernstadt bis heute. Nicht zuletzt wegen der besonderen Attraktivität dieser Erinnerungsorte der frühmittelalterlichen Geschichte ist Paderborn  als Austragungsort ambitionierter Mittelalterausstellungen geradezu prädestiniert. Mit  vier großen kunst- und kulturhistorischen Präsentationen wurden seit 1999 neue Formen des Ausstellungs- und Wissenschaftsmanagements erprobt und eigene innovative mediale Inszenierungen und Präsentationsformen entwickelt. Sie wurden von Fachwelt und Publikum überaus positiv aufgenommen. „Paderborn is on the map!“, konstatierte schon Stephen N. Fliegel vom Cleveland Museum of Art nach dem großen Erfolg der Karolinger-Ausstellung des Jahres 1999.7

Wie zuvor etwa  in Mannheim (Die Franken – Wegbereiter Europas 1996/97) und kurz darauf in Magdeburg (Otto der Grosse, Magdeburg und Europa 2001) erwies sich die Karolinger-Ausstellung von 1999 in Paderborn als publikumswirksames Faszinosum, das einerseits dem verbreiteten Bedürfnis nach einer „Wiederverzauberung“ der Alltagswelt entgegenkam  und worin sich andererseits die Neubewertung der Epoche Karls des Großen  als identitätsstiftendes Moment für das sich formende Europa im Selbstverständnis der Zeitgenossen eindrucksvoll manifestierte.

Mit dem Ausstellungsboom der zurückliegenden gut 30 Jahre geht eine Theoriedebatte über die kulturelle und politische Funktion von historischen Ausstellungen und Museen einher. Sie widmet sich der Darstellbarkeit und Erzählbarkeit von Geschichte im Museum, sowie den Fragen nach der Ästhetik und den Präsentationsformen der „Museumsdinge“ (Gottfried Korff).8 Wir wollen mit der kritischen Zusammenschau der Paderborner Ausstellungen und deren Anlayse einen kleinen Beitrag zu dieser Diskussion leisten, wobei Fragen der medialen Vermittlung von Geschichte und deren unterschiedliche Interpretationen im Mittelpunkt stehen.9 Der Blick richtet sich vor allem auf Formen und Motive ihrer Bearbeitung, Umprägung, Inszenierung und Erfindung. Schließlich ist es wichtig, den Aspekt der Historizität konsequent auch bei den Forschenden und  Ausstellungsmachern von heute vorauszusetzen, eben weil auch sie den grundlegenden Bedingungen der perspektivischen Betrachtung unterliegen. Nach 15 Jahren lohnt der Blick zurück, lichtet sich das Dunkel des gelebten Augenblicks und man hat den nötigen Abstand, die Paderborner Unternehmen im Verbund der kulturhistorischen Mittelalter-Ausstellungen ihrer Zeit angemessen zu beurteilen.

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Informationen und Bildergalerien zu vergangenen Sonderausstellungen des Diözesanmuseums

  • Aufsatz: Ein Erlebnis von Gleichzeitigkeit
  • 799 – Kunst und Kultur der Karolingerzeit
  • Byzanz – Licht aus dem Osten
  • Göttliche Ordnung und vermessene Welt
  • Canossa 1077 – Erschütterung der Welt
  • Für Königtum und Himmelreich – Bischof Meinwerk von Paderborn
  • Rückblick – Ausstellungshistorie

Erhältliche Publikationen

Folgende Publikationen aus früheren Ausstellungen werden im Foyer des Diözesanmuseums noch angeboten:

  • Katalog „Für Königtum und Himmelreich · 1000 Jahre Bischof Meinwerk von Paderborn“, 2009
  • Museumskurzführer Geschichte · Architektur · Sammlung, 2003
  • Ausstellungskatalog „Zeit und Ewigkeit“, 2009
Das Diözesanmuseum Paderborn - sakrale Kunst aus 11 Jahrhunderten
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